Händigkeit - welche Rolle spielt sie beim Lernen?

Wenn das Thema in meinem Praxisalltag zur Sprache kommt, ist die erste Reaktion zunächst Überraschung. Die Zeiten, in denen Linkshänder umgelernt wurden, in denen man mit der „schönen Hand“ schreiben musste, sind vorbei. Aber bist du dir sicher, dass dein augenscheinlich linkshändiges Kind, wirklich Linkshänder ist? Oder umgekehrt?


Was ist Händigkeit?

In der allgemeinen Definition bezeichnet man als Händigkeit die Überlegenheit der linken oder rechten Hand. Sie äußert sich in einer größeren Geschicklichkeit, längeren Ausdauer und dem präferierten Handgebrauch. Die bevorzugte Hand wird auch als dominante Hand bezeichnet. Ausschlaggebend sind hier vor allem feinmotorische und/oder emotional besetzte Tätigkeiten.

Aus neurologischer Sicht betrachtet, ist es so, dass die linke Gehirnhälfte die rechte Seite des Körpers kontrolliert und umgekehrt kontrolliert die rechte Gehirnhälfte die linke Seite.


Störung der Händigkeit

Es gibt Faktoren, die die angeborene Dominanz beeinflussen können, so dass diese nicht mehr deutlich oder gar gestört ist. Diese Faktoren können sein:

 

1.     Sozio-kulturelle Einflüsse

Durch Geschichte und Religion geprägt ist es auch in unserer modernen Gesellschaft nach wie vor so, dass die linke Seite eher negativ behaftet ist. In verschiedenen Kulturen ist die linke Hand unrein; man nutzt sie z.B. beim Toilettengang, gegessen wird mit rechts.

Auch im Sprachgebrauch wird der Unterschied sichtbar: ein linker Hund, linkisch sein, zwei linke Hände haben, links liegen lassen uvm. Dem gegenübergestellt: rechtschaffen, Recht haben, die rechte Hand vom Chef sein, es ist nur recht und billig uvm.

Wenn man sich durch den Alltag bewegt, fällt ebenfalls auf, dass die meisten Gegenstände und Gegebenheiten auf Rechtshänder ausgelegt sind: Autos, Musikinstrumente, Küchenhelfer, Schreibutensilien uvm.

 

2.     Neigung zu Modell- und Nachahmungsverhalten des Kindes

Besonders aufmerksame und sensible Kinder neigen dazu, enge Bezugspersonen nachzuahmen. Dadurch kann es passieren, dass sie sich eine falsche Händigkeit aneignen.

 

3.     Störungen durch Umschulungsversuche

In der heutigen Zeit ist Linkshändigkeit akzeptierter, so dass es zu keinen Umschulungsversuchen kommen sollte.

Trotzdem wird die rechte Hand immer noch positiv dargestellt („Gib die schöne Hand!“) und Linkshänder werden humorig als „Denkerwaschl“ betitelt. Umschulungen betreffen meist nur einzelne Tätigkeiten, wie z.B. Schreiben.

 

4.     Körperliche Beeinträchtigung

Angeborene (Fehlbildung, Lähmung o.ä.) oder erworbene (Amputation, Einschränkung durch Unfall o.ä.) Probleme können ein Grund sein, dass Menschen ihre natürliche Händigkeit nicht nutzen können. Sie müssen dann zwangsweise umgeschult werden, um im Alltag zurecht zu kommen.

 

Folgen einer gestörten Händigkeit

Das Hauptproblem einer gestörten Händigkeit ist die ungleiche Belastung der Gehirnhälften. Die motorisch nicht dominante Gehirnhälfte wird überbelastet. Sie muss Aufgaben übernehmen, die eigentlich von der anderen Gehirnhälfte geleistet werden sollten. Diese ist im Gegenzug unterfordert. In der Grafik kann man gut erkennen, wie die Gehirnhälften arbeiten:

Es kommt also zu einer doppelten Belastung im Gehirn, die verschiedene Primär- und Sekundärfolgen verursacht:

 

Primärfolgen:

  • Feinmotorische Störungen
  • Links-Rechts-Unsicherheit
  • Lese-Rechtschreib-Störungen (Buchstaben spiegeln/verwechseln)
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Gedächtnisstörungen
  • Sprachauffälligkeiten

 

Sekundärfolgen:

  • Unsicherheit
  • Zurückgezogenheit
  • Minderwertigkeitskomplexe
  • Verhaltensprobleme
  • Demosthenes-Effekt (Überkompensation durch erhöhten Leistungseinsatz)

 

Welche Folgen sich entwickeln und wie stark sie ausgeprägt sind, hängt von der Individualität der Person ab: Begabungen, Eigenschaften und das Umfeld spielen hierbei eine große Rolle.

 

Fazit

Wie man sieht, zeigen sich die Folgen einer gestörten Händigkeit nicht nur im motorischen Bereich. Es ist also durchaus sinnvoll, bei Lernschwierigkeiten auch auf die Händigkeit zu schauen. Ich frage es im Fragebogen ab und auch bei der Testung ist es ein fester Bestandteil.

 

Hast du den Gedanken, auch dein Kind, könnte von den Folgen einer gestörten Händigkeit betroffen sein? Dann nimm gern KONTAKT  mit mir auf und lass dich von mir beraten. Das Erstgespräch ist immer kostenlos!

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