Lerntypen - Wissenschaft oder Mythos?

Die Idee von Lerntypen bezieht sich auf die Vorstellung, dass Menschen auf unterschiedliche Weisen lernen, und sie basiert auf verschiedenen Theorien und Ansätzen in der Pädagogik und Psychologie. Einige Forscher, wie zum Beispiel Frederic Vester oder David Kolb, haben Modelle entwickelt, um verschiedene Lerntypen und Lernstile zu beschreiben.


Es ist wichtig zu beachten, dass die Idee von Lerntypen selbst umstritten ist, da es wenig wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass individuelle Lernstile einen signifikanten Einfluss auf den Lernerfolg haben. Die meisten Menschen entsprechen nicht ausschließlich einem dieser Lernstile, sondern weisen eine Kombination davon auf.

Dennoch kann eine Auseinandersetzung damit für Lehrenden und Lernende nützlich sein, um verschiedene Herangehensweisen auszuprobieren und herausfinden, welche Methoden am besten funktionieren.


Ich möchte an dieser Stelle zwei Modelle vorstellen, die ich für sehr praxisnah halt und aus denen wir viel mitnehmen können.


Lerntypen nach Vester

Das wohl bekannteste Konzept ist die Einteilung der Lerntypen nach Frederic Vester.


1. Visueller Lernstil

Visuelle Lerntypen lernen über das Sehen. Sie können sich gut Diagramme, Grafiken, Abbildungen oder ähnliches merken. Sie bevorzugen die visuelle Darstellung von Informationen. Sie lernen zum Beispiel durch das Erstellen von Mindmaps, schauen Lernvideos oder Dokumentationen usw.


2. Auditiver Lernstil

Auditive Lerntypen lernen über das Hören. Sie können sich Inhalte am besten durch (Zu)Hören einprägen. Sie lernen am besten durch das Anhören von Vorträgen oder Podcast, lesen sich selbst laut vor usw.


3. Kinästhetischer (haptischer) Lernstil

Haptische oder motorische Lerntypen lernen durch Aktivität; d.h. wenn sie Wissen durch praktische Übungen direkt erleben und umsetzen können. Sie lernen, in dem sie Wissen praktisch anwenden, Experimente durchführen usw.


4. Kommunikativ-intellektueller Lernstil

Kommunikativ-intellektuelle Lerntypen lernen durch die Auseinandersetzung mit dem Thema: mit anderen über den Stoff diskutieren, es sich gegenseitig erklären, Fragen stellen, Gedankengänge teilen. Sie lernen am besten mit anderen zusammen in Lerngruppen, indem sie Dinge erklären, sich gegenseitig interviewen oder Quizze abhalten.


Lernkreis nach Kolb

Der Lernkreis nach David Kolb ist ein Modell, das die Phasen des Lernens und der Reflexion beschreibt. Dieses Modell wurde entwickelt, um den Lernprozess zu verstehen und zu verbessern, indem es betont, dass Lernen ein zyklischer Prozess ist, der aus vier Phasen besteht:


Konkrete Erfahrung (CE):

In dieser Phase erleben die Lernenden eine konkrete Erfahrung oder Aktivität, die eine Basis für das Lernen bildet. Es kann sich um praktische Erfahrungen, Experimente oder direkte Begegnungen handeln.


Beobachtung und Reflexion (BR):

Nach der konkreten Erfahrung reflektieren die Lernenden darüber nach, was sie erlebt haben. Sie versuchen, die Erfahrung zu verstehen, indem sie ihre Gedanken und Gefühle analysieren.


Abstrakte Konzepte bilden (AK):

In dieser Phase versuchen die Lernenden, abstrakte Konzepte und Theorien aus ihren Beobachtungen und Reflexionen abzuleiten. Sie suchen nach allgemeineren Prinzipien oder Mustern.


Aktive Experimente (AE):

Die Lernenden setzen die abstrakten Konzepte in die Praxis um, indem sie neue Erfahrungen machen oder Experimente durchführen. Dies schließt die Anwendung des Gelernten auf neue Situationen ein.


Spannend an der Theorie ist, dass die Lernenden hier an jeder Stelle beginnen können, je nachdem, wo sie sich in ihrem Lernprozess befinden. Effektives Lernen findet dann statt, wenn die Lernenden den gesamten Kreislauf durchlaufen, indem sie ihre Erfahrungen reflektieren, neue Konzepte entwickeln und diese in der Praxis erproben.


Mein persönliches Fazit

Ich kann Vesters Lerntypen-Modell gut nachvollziehen. Die Idee, dass jeder Mensch einen Sinneskanal beim Lernen bevorzugt, ist zunächst einleuchtend. Aber sie birgt auch die Gefahr, dass wir uns zu sehr darauf fixieren. Denn meine Erfahrung zeigt mir, dass die meisten Menschen Mischtypen sind. Und auch je nach Lerninhalt kann das eine besser funktionieren als das andere.


An Kolbs Modell gefällt mir, dass er zeigt, dass erlebnisorientiertes Lernen dazu beiträgt, den Lernprozess besser zu verstehen und effektivere Lernstrategien zu entwickeln. Er kombiniert Theorie und praktisches Handeln, Wissen und Experimente ohne festzulegen, was zuerst stattfinden muss.


Für meine Arbeit als Lerntherapeutin bedeutet das, dass ich zunächst herausfinden muss, wie dein Kind am besten lernt. Dazu biete ich flexible Methoden an, die die verschiedene Sinneskanäle ansprechen und finde gemeinsam mit deinem Kind raus, was am besten funktioniert.


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